Berlin, 27.10.98
Herrn
Joschka Fischer
Stellvertreter des Bundeskanzlers und
Bundesminister des Auswärtigen der Bundesrepublik Deutschland
53113 Bonn
Adenauerallee 99 – 103
Sehr geehrter Herr Minister,
zu Ihrem Wahlerfolg und Ihrer Berufung zum Stellvertreter des Bundeskanzlers und Bundesminister des Auswärtigen übermittele ich Ihnen die aufrichtigen Glückwünsche des Vorstandes des Nahost-Forums e.V.
Möge es Ihnen gelingen, die Position der Bundesrepublik Deutschland in der internationalen Arena im Interesse des Friedens und des freundschaftlichen Zusammenwirkens aller Staaten und Völker zu stärken und vor allem die engen Beziehungen zu unseren europäischen Nachbarstaaten weiter zu fördern.
Entsprechend der Zielstellung unseres Vereins denken wir besonders an die konfliktreiche Region des Nahen und Mittleren Ostens und Nordafrikas.
Wir wünschen und hoffen, daß die Bundesrepublik Deutschland sich durch Ihre Tätigkeit als Bundesminister des Auswärtigen stärker als bisher für die friedliche Beilegung von Konflikten in dieser Region engagiert.
Als Nahost-Forum e.V. widmen wir uns der Pflege der Beziehungen mit den Völkern dieses Raumes, wollen wir dazu beitragen, durch Information in Deutschland und Meinungsaustausch zwischen Menschen unseres Landes und des Nahen und Mittleren Ostens , die in Politik, Wissenschaft, Kultur, Kunst, Religion und den Medien wirken, Respekt vor den selbstbestimmten Werten des Anderen, Solidarität und Verständigung zu befördern.
Wir meinen, daß ein künftiges Europa nur in Frieden und Sicherheit gedeihen kann, wenn es gelingt, gleichberechtigte und vertrauensvolle Beziehungen zu den Völkern des Nahen und Mittleren Ostens zu entwickeln.
Wir wünschen Ihnen, sehr geehrter Herr Minister, viel Kraft und eine glückliche Hand, um einen konstruktiven Beitrag deutscher Außenpolitik zur Entschärfung der Situation in dieser neuralgischen Region zu leisten.
Mit Besorgnis verfolgen wir die jüngsten Aktivitäten unseres NATO-Partners Türkei, der in Bezug auf das Verhältnis zu Minderheiten im eigenen Land der Politik serbischer Führer auf dem Balkan, der zu Recht größte Aufmerksamkeit und Wachsamkeit der Weltöffentlichkeit gewidmet wird, nicht nachsteht.
Jetzt wurde sogar damit gedroht, die NATO in die Rolle einer Kriegspartei in einen Konflikt mit Syrien und anderen arabischen Staaten zu drängen. Dies zu einer Zeit, wo alle Bemühungen darauf gerichtet sein sollten, die Bemühungen zu unterstützen, die unternommen werden, um den seit Jahren stagnierenden ”Friedensprozeß” im Nahen Osten vor dem endgültigen Scheitern zu retten. Die Glaubwürdigkeit der NATO und Europas und somit auch der Bundesrepublik wird damit auf den Prüfstand gestellt.
Sehr geehrter Herr Minister, wohl wissend, daß religiös oder nationalistisch verbrämte Terroraktionen ein ernstes Hindernis für den Abbau von Vorbehalten gegenüber anderen Völkern und ihrer Kultur und Religion darstellen, werden wir nicht nachlassen, für Toleranz zwischen den Kulturen einzutreten.
Wir verurteilen jede Art von Terror auf das Schärfste. Wir meinen jedoch, daß Gefühle der Ohnmacht gegenüber echtem oder vermeintlichen Druck der Mächtigen ein wesentlicher Nährboden für das Gedeihen von Terrorismus sind. Bombardements wie unlängst in Khartoum oder Afghanistan halten wir für ungeeignet, Terrorismus zu bekämpfen. Müssen sich unschuldig betroffene Menschen derartiger Aktionen nicht berechtigterweise als Opfer des Terrors fremder Mächte fühlen?
Aus gleichen Überlegungen beurteilen wir auch die gegenwärtig mehrfach praktizierte Boykottpolitik kritisch. Ausgeschlossen natürlich Rüstungsboykotte, wobei wir uns in dieser Frage viel mehr Konsequenz wünschen.
Es sei jeder Regierung unbenommen, zu werten, ob eine andere Regierung legitimiert sei, nach ”unserem” Ermessen ihr Volk zu repräsentieren oder nicht. Aber ein Volk durch Boykott dem Hungern und der kollektiven Verarmung preiszugeben, weil der Regierung, deren Mitglieder und Familien persönlich sicher in keiner Weise zu leiden haben, die Legitimierung abgesprochen wurde, halten wir für unsittlich, unrecht und unmenschlich.
Wir bitten Sie daher, sehr geehrter Herr Minister, dafür einzutreten, daß bei konsequenter Kontrolle des Rüstungsexports in diese Region Handelsboykotte und Transport- und Verkehrsbeschränkungen gegen Länder wie Libyen und Irak aufgehoben werden.
Herr Minister, nehmen Sie noch einmal unsere besten Wünsche für Ihre verantwortungsvolle Tätigkeit als Bundesminister des Auswärtigen unseres Vaterlandes entgegen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Freimut Seidel
Botschafter a.D.
Vorsitzender