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Archiv für die Kategorie ‘Meinungen’

Ghaddafi und Libyens Islamisten

6. Juni 2011 Keine Kommentare

geschrieben von Dr. Wolfgang Bator

„Mit massiven Luftschlägen …sollen weitere Angriffe der Truppen des Diktators auf das eigene Volk verhindert werden“, schreibt die Märkische Allgemeine am 21.3.2011. Am gleichen Tage erklärt ein Sohn Ghaddafis, Saif al-Islam: „Der Westen unterstützt die Falschen, unser Kampf ist gegen Terroristen und deren Milizen gerichtet“, und er spricht vom Kampf gegen „bewaffnete Gangs“. Zwei Tage später ist in der Neuen Zürcher Zeitung von ihrem Korrespondenten Beat Amman aus Washington zu lesen: „Eine eher beunruhigende Seite von „Odyssey Dawn“ (d.h. der Operation gegen Libyen, W.B.) besteht darin, dass niemand weiß, wer die Rebellen gegen Ghaddafi eigentlich sind.“

Welchen Charakter hat nun tatsächlich die Oppositionsbewegung gegen Ghaddafi? Ist es das Volk, das gegen sein Regime kämpft, sind es Aufständische, Rebellen oder Terroristengruppen? Bis zum heutigen Tag wurde weder von Politikern noch von Medien diese Frage gestellt und versucht, sie zu beantworten. Weiß man es wirklich nicht – oder will man es nur nicht wahrhaben?

Die von Ghaddafi und seinen „Freien Offizieren“ nach ihrer Machtergreifung 1969 herbeigeführten radikalen Veränderungen stießen auf den Widerstand breiter Kreise. „Die Reichen und Privilegierten, die traditionellen Stammesführer und die religiösen islamischen Eliten nahmen den Verlust ihrer Macht nicht widerstandslos hin“, heißt es in einem Artikel der US Library of Congress [1]. Die Oppositionsbewegung gegen Ghaddafi umfaßte Teile der bewaffneten Kräfte, der Universitätsstudenten, Intellektuelle, Technokraten und Stammesführer. Und so kann es nicht erstaunen, dass sich durch die gesamte Herrschaft Ghaddafis eine Kette von Verschwörungen, Putschen, Umsturzversuchen und Attentaten hinzieht.

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Der Konflikt um Irans Nukleartechnologie

13. Dezember 2009 Keine Kommentare

Zu dem Thema „Der Konflikt um Irans Nukleartechnologie“ hielt Dr. Wolfgang Bator am 18. November 2009 vor dem Nahost-Forum den folgenden von seiner Ehefrau, Dr. sc. Angelika Bator, und ihm erarbeiteten Vortrag.

Die von Dr. Bator zur Erläuterung verwendeten Angaben können unter der eMail-Adresse dr.wernerblkb@gmx.de bezogen werden.

Das Problem der Beherrschung der Nukleartechnologie spielt in einer Reihe von Ländern der Dritten Welt eine wachsende Rolle. Sobald einige Länder einen Entwicklungstand erreicht haben, an dem auf Grund des ökonomischen und demographischen Wachstums die Frage der Energie zu einem drängenden volkswirtschaftlichen Problem wird, und das Land nur ungenügend eigene Energiequellen wie Erdöl, Erdgas oder Wasser zur Verfügung hat, stellt sich die Frage der Entwicklung der Nukleartechnologie im jeweiligen nationalen Rahmen. Jedoch ist die Beherrschung der Nukleartechnik keineswegs nur ein volkswirtschaftliches Problem, sondern zugleich eine hochpolitische Frage.

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Dr. Heinz-Dieter Winter – Zur Lage im Nahen Osten

16. März 2009 3 Kommentare

Vortrag von Dr. Heinz-Dieter Winter
in der Veranstaltung des Nahost-Forums am 26.02.2009

Bis Ende des vorige Jahres hätte nach dem „frommen Wunsch“ des abgetretenen USA-Präsidenten George W.Bush, der im November 2007 eine Internationale Konferenz nach Annapolis einberufen hatte, ein palästinensischer Staat gebildet worden sein, stattdessen kam es zum Gazakrieg, der mit mehr als 1300 Toten, 5200 Verletzten – darunter etwa 400 tote Kinder-, einem Massaker glich.

I
Annapolis, wie vorher auch die sogenannte road map (von 2003, versprach einen palästinensischen Staat bis 2005) und die Tätigkeit des Nahostquartetts konnte aus folgenden Gründen nicht zu einem lebensfähigen palästinensischen Staat führen:

1. Die UNO- Resolutionen und die Mittel zu ihrer Durchsetzung sowie die zu lösenden Grundfragen wurden nur unzureichend zugrunde gelegt. Die UNO wurde aus dem Lösungsprozeß faktisch ausgeklammert und den USA wurde die alleinige Kontrolle überlassen.

2. Es wurde Nichts getan, um den andauernden israelischen Siedlungsprozeß zu beenden. Er wurde auch nach Annapolis bekanntlich fortgesetzt

3. Hamas wurde aus dem Verhandlungsprozeß überhaupt ausgeklammert. Der Konfrontationskurs der Fatah gegen die Hamas war für Israel Vorbedingung, um mit Abbas überhaupt das Annapolis-Projekt zu beginnen.
Gespräche zwischen Israelis und Palästinensern zur Realisierung von Annapolis wurden Ende vorigen Jahres ergebnislos beendet. Die palästinensische Seite hatte im Dezember publik gemacht, was Israel vorgeschlagen hatte. Danach will Israel 6,8% (von 7,3% herunterverhandelt)des Westjordanlandes annektieren und dafür Land vom eigenen Territorium (Negew-Wüste) abgeben. Man könnte sagen, 6,8 % ist nicht viel. Aber die Palästinenser bekommen ja nur noch 22% des ehemaligen Mandatsgebiets Palästina. Der UNO-Teilungsbeschluß hatte ihnen 45% zugebilligt.

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Zum offensichtlich schwierigen Umgang mit Hamas

27. Januar 2009 Keine Kommentare
Verfasst von Frau Prof. Dr. Karin Kulow

Zum offensichtlich schwierigen Umgang mit Hamas

Einige Anmerkungen

Man muss kein Freund von Hamas sein – und schon gar nicht deren Ideologie wie Politik gut heißen -, um dennoch dafür zu plädieren, dass deren Einbeziehung in den notwendigen Verhandlungsmechanismus für einen dauerhaften Frieden zwischen Israelis und Palästinensern unerlässlich ist. Das hat sich in gewisser Weise schon im Zusammenhang mit dem Oslo-Prozess in den 1990er Jahren gezeigt und bestätigt sich aktuell nachhaltig im Gaza-Streifen. Ein Friedensschluss erfolgt eben in der Regel nicht zwischen Freunden, sondern im Ergebnis eines tragfähigen Agreements zwischen ehemals verfeindeten Parteien. Auch der ägyptische Präsident Sadat und der israelische Ministerpräsident Begin waren zuvor keine Freunde gewesen und hatten sich dennoch unter Schirmherrschaft des damaligen US-Präsidenten, James Carter, zum Friedensabkommen in Camp David 1978 bereit gefunden. Um den Frieden muss stets geduldig gerungen werden, und er fordert von allen beteiligten Seiten einen Tribut. Darunter vor allem, sich von „überlebten Mythen und Ideologien der Selbstverblendung”[1] zu verabschieden, was im israelisch-palästinensischen Verhältnis offenkundig schwer genug ist. Geht es doch um den Anspruch zweier Völker und Nationalbewegungen auf ein- und dasselbe Land auf einer Gesamtfläche von immerhin nur 26.876 km² und einer zudem noch wirkungsmächtigen religiösen Historie.

Diese äußerst diffizile und zugleich auch sehr tragische Konfliktfiguration macht anscheinend nicht nur eine Lösung zwischen den betroffenen Konfliktparteien so außerordentlich kompliziert. Wie immer wieder festzustellen ist, bereitet es auch den Linken erhebliche Schwierigkeiten, einen solchen Zugang dazu zu finden, der die zwangsläufig kollidierenden Interessenlagen so gegeneinander abzuwägen vermag, dass Einseitigkeiten zuungunsten des jeweils anderen weitestgehend vermieden werden. Oder konkret gesagt, die „Sicherheit Israels und das Recht auf einen eigenen palästinensischen Staat zusammen(zu)denken”[2]. Nicht zuletzt an Hamas scheiden sich dabei die Geister.

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Leserbrief von NOF-Mitglied Achim Reichardt, Rangsdorf

21. Januar 2009 Keine Kommentare

Leserbrief von NOF-Mitglied Achim Reichardt, Rangsdorf, abgedruckt am 12.01.2009 in der „Märkischen Allgemeinen”, Potsdam

Hinweis: Die mit (…) gekennzeichneten Passagen wurden von der Redaktion gekürzt

„Höchste Zeit für eine politische Lösung”

Die Berichte zum immer noch anhaltenden Krieg zwischen Israel und der Hamas im sogenannten Gaza-Streifen habe ich mit Interesse verfolgt. Eine sehr einseitige Berichterstattung ist dabei nicht zu übersehen. Was heißt eigentlich „Krieg bis zum bitteren Ende”, wie es Israels Verteidigungsminister angekündigt hat? (MAZ vom 30.12.08). Hier steht doch die Frage, ob die Hamas ausgelöscht werden soll. Erinnert sei nur daran, dass Israel einmal die Hamas förderte. Gegen Arafat, gegen die Fatah. Und wenn im Nahen Osten vom Krieg gesprochen wird, müssen wir die Frage stellen, wie viele Kriege hat es seit 1967 schon gegeben? Israel war immer siegreich. Ist die Situation damit besser geworden? Nein! Der Konflikt ist keinesfalls unlösbar. Aber wie ist er politisch zu lösen?

Mit einer blutigen „Wurzelbehandlung”, (wie der Beitrag am 6.1.2009 überschrieben ist,) wird der Konflikt nie gelöst werden. Eine solche bedeutet Krieg. Besser wären natürlich Verhandlungen. Sie gibt es zwar seit Jahrzehnten. Meist waren sie ein Schritt nach vorn, zwei Schritte zurück. (Der von den USA favorisierte Annapolis – Prozess, mit viel Lob und Hoffnung bedacht, steckt in einer Sackgasse.)

2006 fanden Wahlen in den palästinensischen Gebieten statt. Die Hamas erhielt die Mehrheit. Sie stellte den Ministerpräsidenten. Die Beobachter aus der EU und den USA attestierten den Verlauf der Wahlen als fair und demokratisch. (Es kann doch nicht sein zu sagen, dass die Palästinenser selbst Schuld daran sind, weil sie die Hamas gewählt haben. (MAZ 6.1.09)).

Nicht nur Israel, auch die EU-Staaten und die USA erkannten jedoch das Ergebnis der Wahlen nicht an. Werden Ergebnisse nur respektiert, wenn sie im Interesse des Westens sind? Ohne Gespräche und Verhandlungen mit der Hamas wurde diese als Terrororganisation disqualifiziert. (Sie wurde in die Enge getrieben und isoliert.) Erinnert sei hier: auch die PLO/Fatah erkannte einst das Existenzrecht Israels nicht an und sie wurde als terroristisch abgestempelt. Allseitiges politisches Einwirken auf ihre führenden Kreise führte zu einer veränderten Haltung. Warum geschah dies nicht mit der Hamas?

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Text zur Weihnacht von Heinz-Dieter Winter

21. Dezember 2006 Keine Kommentare

Krieg, Politik und Religion im Heiligen Land
Von Heinz-Dieter Winter Botschafter a.D.
(„Leipzigs Neue“ 22.12.2006)

Weihnachten schaut die Welt nach Bethlehem, dem Ort, wo nach biblischer Überlieferung vor mehr als Zweitausend Jahren Jesus Christus zur Welt gekommen war. Sechshundert Jahre später verkündete Mohammed mit dem Koran den Islam, der auch Jesus Christus als Propheten anerkennt Der Nahe Osten ist der Ursprung dreier Weltreligionen: Judentum, Christentum und Islam.

Doch gerade das Heilige Land, wo nach dem Lukas-Evangelium in Bethlehem in der Geburtsnacht von Jesus die Botschaft vom „Frieden auf Erden“ verkündet wurde, ist Schauplatz eines nicht enden wollenden Konfliktes, der in diesem Jahr zum sechsten Krieg seit 1945 führte.

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Interview Dr. Seifert zu Botschafter-Brief an Präsident des EP

10. August 2005 Keine Kommentare

Das “Neue Deutschland” veröffentlichte am 6./7.08. ein Interview mit Botschafter a. D. Dr. Arne Seifert zu Reaktionen auf das von unserem Forum mit initiierte Schreiben ehemaliger Botschafter an den Präsidenten des Europäischen Parlaments und weitere Politiker.

Nachfolgend der Wortlaut des Interviews:

Nicht den Krieg, sondern dessen Ende denken
Dr. Arne Seifert über gefährliche Anti-Terror-Strategien und einen notwendigen Friedensentwurf

Mit den neuen Anschlagsandrohungen von Al-Qaida wächst die Angst. Wie ist der Terror aus der Welt zu schaffen? Botschafter aus Ost- und Westdeutschland haben einen Brief an das Europäische Parlament geschickt, in dem sie Vorschläge unterbreiteten, wie Frieden zwischen Orient und Okzident erreicht werden kann. Mittlerweile haben sie Antwort erhalten. ND sprach mit Dr. Arne C. Seifert vom Verband für Internationale Politik und Völkerrecht und Mitunterzeichner des Briefes. Der Diplomat war jahrelang im Nahen Osten tätig und hat in den End-90er Jahren an einer OSZE-Mission in Tadschikistan teilgenommen; vor kurzem war er wieder dort, als Moderator eines säkular-islamischen Dialogs zur Vertrauensbildung.

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Das Alt-Neue in Israel-Palästina

9. Februar 2005 Keine Kommentare

Gibt es nach dem Gipfel einen Neuanfang?
von Heinz Knobbe

(gekürzt abgedruckt in “Neues Deutschland, 9. 2. 2005)

Das erste offizielle Treffen zwischen dem israelischen Ministerpräsidenten Scharon und dem Palästinenserpräsidenten Abbas unter Beteiligung des ägyptischen Präsidenten Mubarak und des jordanischen Königs Abdulla II. in Scharm el Scheich ist vorbei. Jeder, der die Wiederaufnahme des Friedensprozesses im Nahen Osten unterstützt, begrüsst den Gipfel der Vier, könnte er doch zu einem neuen Anfang in den Beziehungen zwischen der israelischen Regierung und der palästinensischen Führung und damit des unterbrochenen Programms von Oslo werden. Er war ein erster Schritt, aber mehr auch nicht, denn Antworten auf substanzielle Fragen hat er nicht gegeben. Was folgt nach dem vorgesehenen Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen, wie sind die weiteren Perspektiven, auch unter Berücksichtigung der Politik der neuen US-Regierung? Was können wir vom Nahost-Quartett erwarten, welche Chancen hat die sogenannte Road Map wiederbelebt zu werden?

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Pressebeitrag von Heinz Knobbe, Vorstandsvorsitzender des NOF

13. November 2004 Keine Kommentare

Müssen wir uns mit der Angst abfinden?

Islam, Islamismus, Dschihad – eine Gefahr für Deutschland?
Statt Hysterie ist Dialog und Aufklärung nötig

von Heinz Knobbe

In unserer Gesellschaft wird viel über Islam, Islamismus, Dschihad, Terrorismus geschrieben, gesprochen, ja gestritten. Der jüngste Auftritt von Osama bin Laden im arabischen Fernsehsender Al Dschasira, in dem er mit neuen Anschlägen drohte, gibt erneut Anlass, sich zu fragen: Besteht eine reale Gefahr für Deutschland? Falls ja, wie soll man ihr begegnen? Durch „dichte Netzwerke mit engen Maschen und starken Verknüpfungen“, wie Bundesinnenminister Otto Schily auf der BKA-Herbsttagung Ende vergangener Woche forderte? Und mit gewalttätigen Anti-Terror-Aktionen wie in den Niederlanden dieser Tage?

Auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Februar 2004 bezeichnete der deutsche Außenminister „den Dschihad- Terrorismus mit seiner totalitären Ideologie“ als die größte Bedrohung nicht nur für den Nahen und Mittleren Osten, sondern generell für die globale Sicherheit der Menschheit und damit indirekt auch für Deutschland. Diese undifferenzierte Betrachtung führt u.a. zum hysterischen Herangehen an diese Probleme durch Medien, teilweise auch durch die Regierung, wie es sich z.B. in der spektakulären Aktion bei der Ausweisung des „Kalif von Köln“, des sogenannten Hasspredigers Metin Kaplan, gezeigt hat. Auch das Verbot der von einigen arabischen Persönlichkeiten in Berlin geplanten Islam-Konferenz durch Innensenator Körting, der auf Geheiß von Innenminister Schily handelte, kann keine Lösung der Probleme sein, zumal die islamischen Staaten daran arbeiten, ein Islamisches Zentrum in Berlin einzurichten. Auch Schilys jüngste Initiative, in Libyen Auffanglager für Asylbewerber einzurichten, um potenzielle Terroristen überprüfen zu lassen, ist ein untauglicher Versuch. Er zeugt nicht nur von Arroganz gegenüber diesem arabischen Land, sondern auch von der Hilflosigkeit der deutschen Organe, den bestehenden Gefahren im eigenen Land zu begegnen.

Beschäftigen wir uns zunächst mit den Begriffen, mit denen die breite Öffentlichkeit konfrontiert wird.

1.
Der Islam ist eine Weltreligion wie das Christentum, das Judentum, der Buddhismus. Er ist eine Weltanschauung, die auf normativer Tradition, auf heiligen Texten des Koran (Offenbarung) und der Sunna (Prophetentradition) beruht. Die Wertevorstellungen in einer islamischen Gesellschaft unterscheiden sich von denen der westlichen Welt. Das trifft z.B. auf die Bewertung der Menschenrechte und der Demokratie zu. Im Islam wird die Verantwortung des Menschen der Freiheit vorangestellt, wird der Einzelne stärker an die Gemeinschaft gebunden, wird Individualismus als egoistisch und destruktiv verworfen. Im Vordergrund steht die Familiensolidarität, der Grundsatz: der Stärkere hilft dem Schwächeren, der Reiche dem Armen. Nehmen wir das letztere Prinzip, das in einer „islamischen Ordnung“ nicht nur Theorie, sondern auch angestrebte Praxis ist. Welchen Platz nimmt es in der westlichen Welt ein?

Natürlich sind solche Schlüsselbegriffe des Islam wie Khalifa (Herrscher) und Sharia (göttliches Gesetz) in der bürgerlichen Gesellschaft fremd. Die Bindung an die Sharia lässt einer Volkssouveränität in unserem Sinne kaum Raum, denn nach der islamischen Staatslehre ist allein Gott souverän.

Islam ist jedoch nicht gleich Islam, sowohl in der Lehre als auch in der Praxis. Die regional jeweils vorherrschenden Verhältnisse in der muslimischen Gesellschaft sind unterschiedlich. Sie bewirken, dass es keinen einheitlichen Islam, dass es gegenwärtig kein allgemein akzeptiertes Modell einer „islamischen Ordnung“ gibt. Nehmen wir z.B. den Gottesstaat Iran oder den wahabitischen fundamentalistischen Islam in Saudi-Arabien oder die laizistische Türkei. Diese Staaten unterscheiden sich in der Form und Intensität, mit der die herrschende Religion auf Politik und Alltagsleben der Bevölkerung einwirkt.

2
Was ist unter Islamismus zu verstehen? Wie die Judaisierung in der israelischen , die Christianisierung in der amerikanischen Gesellschaft unter der gegenwärtigen Regierung , so vollzieht sich auch der Prozeß der Islamisierung in der arabischen Welt, die Radikalisierung des Islam.

Den Islamismus – auch wenn einige islamische Gelehrte den Begriff
ablehnen – verstehen wir als eine Bewegung, die man auch islamischer Fundamentalismus oder militanter Islam nennen kann. Urvater dieser Bewegung war der Ägypter Hassan al-Banna, der 1928 die Muslimbruderschaft mit dem Ziel gegründet hatte, die in den arabischen Ländern bestehende Staatsgewalt zu bekämpfen, die nach seiner Meinung vom wahren Islam abgewichen sei und sich dem Westen ausgeliefert habe. Als Beispiel wird das Versagen der arabischen Regierungen in den Kriegen mit Israel 1948 und 1967 genannt.

Diese Entwicklung ist natürlich auch ein Ergebnis einer muslimischen historischen und gesellschaftlichen Erfahrung der Zweitklassigkeit gegenüber „dem Westen“ sowie einer massenhaft empfundenen Perspektivlosigkeit unter den bestehenden innenpolitischen Realitäten in der Region geschuldet.

Die arabischen Regierungen sind mit dem politischen Islamismus, dem „Dschihad im Islam“, dem nach innen gerichteten Aufruf, einen islamischen Gottesstaat zu errichten, unterschiedlich umgegangen. Während dessen Vertreter in Jordanien in das politische System integriert wurden, fanden sich andere in Ägypten und Syrien in Gefängnissen wieder.

3
Der Begriff Dschihad hat in der traditionellen islamischen Kultur eine positive Bedeutung. Er verlangt vom Gläubigen, den Geltungsbereich der religiösen Gebote des Islam zu erweitern und deren Einfluß zu vertiefen. Als Motor der Ausbreitung des Glaubens drückt er sich nur im Extremfall im „Heiligen Krieg“ aus, die Bekehrung der „Ungläubigen“ mit dem „heiligen Buch und dem Schwert“. Mit Bezugnahme auf diese religiöse Pflicht vollzogen sich in den letzten Jahrzehnten, besonders nach dem 6-Tage-Krieg zwischen Israel und den arabischen Staaten – nicht erst nach dem 11.September 2001 – Entwicklungen zum Terrorismus. Es entstanden Organisationen wie „Dschihad-Islami“, deren Vertreter wie Mohammed Rabi al-Zawahiri nicht nur gegen ihre eigenen Regierungen den militärischen Kampf führten, u.a. am Attentat auf Sadat beteiligt waren, sondern auch in Afghanistan gegen den Einmarsch der Sowjetarmee kämpften und sich später mit Osama bin Laden im Kampf gegen die USA verbündeten. Andere wie „Gamaa Islamiya“ verübten Attentate auf ausländische Touristen. Ihre Aktivisten sind heute fanatische Kämpfer, die mit der modernen Technik umgehen, Flugzeuge steuern können.

4
Der Terrorismus ist kein neues Problem. Die Menschheitsbedrohung kündigte sich lange vor der Vernichtung des World Trade Centers an. Selbst in den USA war der Terrorismus stets beheimatet. Denken wir an die Morde an Lincoln und an den Kennedys, an das Sektenmassaker von Waco in Texas. Der 11. September ist deshalb für die Amerikaner keine Zeitenwende, auch wenn er so dargestellt wird.

Was verbirgt sich hinter der von der Bush-Regierung verkündeten „Weltweiten Allianz gegen den Terrorismus“? Welche Rolle wird dem Islam im Anti-Terrorismus-Krieg zugewiesen?

Zur Zeit des Kalten Krieges nahmen die westlichen Regierungen den Islam eher als harmlos wahr oder benutzten die religiösen Extremisten aktiv als Partner im Kampf gegen Moskau. Einer der Organisatoren des antisowjetischen Kampfes in Afghanistan war Osama bin Laden, ein Sprössling des saudi-arabischen Fundamentalismus. Dennoch zeigen die Regierungen des Westens bis heute eine auffallende Flexibilität im Umgang mit dem totalitären Herrschaftssystem dieses Wüstenstaates.

Auch Israel zog sich mit der Hamas einen erbitterten Gegner selbst groß. In den 70-er Jahren förderte es in den besetzten palästinensischen Gebieten die Muslimbruderschaft und deren militanten Arm, die Hamas. Diese sollte für Tel-Aviv als probates Mittel im Kampf gegen die PLO dienen.

Die von der USA-Administration nach dem 11.September mit viel Getöse ins Leben gerufene „Allianz zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus“ ist der Versuch, die Weltpolitik neu zu ordnen, die amerikanischen Positionen im „erweiterten Nahen Osten“ und in Zentralasien auszubauen. Die Theorien von der „Achse des Bösen“ sowie von den „Schurkenstaaten“, die von den christlichen Fundamentalisten der USA ausgearbeitet und vertreten wurden, lassen in den arabischen Ländern berechtigt den Verdacht aufkommen, die USA führten unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung einen Krieg gegen den Islam. Wir kommen an der Feststellung nicht vorbei, dass nur dort, wo die Frage islamische Religiosität das US-amerikanische Vormachtstreben berührt, das Feindbild „Islam-Islamismus“ gepflegt wird. Für Washington ist islamischer Fundamentalismus als politische Komponente offenkundig
zweck- , zeit- und regionsabhängig.

5

Was hindert die deutsche Regierung daran, aus dieser Strategie der USA herauszutreten und eigene Interessen zu vertreten, auch im Nahen Osten?

Außenminister Fischer hat in seiner auf der o.g. Münchner Sicherheits-konferenz unterbreiteten „Transatlantischen Initiative für den Nahen Osten“ eine enge Partnerschaft Europas und Amerikas mit den Staaten dieser Region in Sachen Sicherheit, Politik, Wirtschaft, Recht, Kultur und Zivilgesellschaft gefordert. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die deutsche Regierung im Fahrwasser der US-Politik verblieben ist. Wie ist es z.B. sonst zu rechtfertigen, dass sie im UNO-Sicherheitsrat bei der Abstimmung über eine Resolution der arabischen Staaten, in der das gewaltsame Vorgehen der Scharon-Regierung im Gaza-Streifen gegenüber unschuldigen Frauen und Kindern verurteilt werden sollte, sich der Stimme enthalten hat? Warum erhebt sie ihre Stimme nur gegen die Aktionen der palästinensischen Selbstmordattentäter in Israel, aber kaum gegen die Tötungsaktionen der israelischen Armee in den palästinensischen Gebieten, die man als Staatsterrorismus bezeichnen könnte?

Müssen wir uns wundern, wenn arabische Extremisten, die sich im Befreiungskampf gegen die Besatzer wähnen, die Bundesrepublik als Helfer der USA und Israels im Nahen Osten betrachten, wenn Deutschland in den Augen von Islamisten zum Lager der sogenannten Kreuzzügler gezählt wird? Auch in auflagenstärksten Blättern dieses Landes anzutreffende rassistische Hetze gegen Muslime trägt nicht dazu bei, Deutschland von der Liste als legitim betrachtetes Anschlagsziel zu streichen.

Es wird höchste Zeit, dass die deutsche Regierung im Rahmen der EU Initiativen unterbreitet, die die arabischen Staaten bei der gemeinsamen Überwindung des Terrorismus als gleichwertige Partner behandeln. Die europäischen Staaten mit ihrem Demokratieverständnis müssen besser früher als später die hohe Hürde nehmen, auch den Verhandlungsweg als zwingende Konfliktlösungs- und Terrorpräventionsinstrument zu akzeptieren.

„Wir müssen effektiver Hand in Hand arbeiten. Der Westen sollte einen wirklichen Dialog mit der arabischen Welt eingehen. Dies ist der einzige Weg“- forderte unlängst der ägyptische Botschafter in der Bundesrepublik, Mohammed Al-Orabi.

Natürlich ist die Zusammenarbeit mit anderen Staaten bei der Terrorismus-Bekämpfung sinnvoll und notwendig, jedoch nur ein Weg. Im eigenen Land müssen zu dem eigene effektive Maßnahmen unternommen werden, um die bestehende Gefahr des islamischen Extremismus und Terrorismus in Deutschland zu minimieren. Nach den Anschlägen in Madrid ist dies ein Gebot der Stunde. In seinem gerade erschienenen Buch “Terrorbasis Deutschland“ beschreibt Berndt Georg Thamm ausführlich die islamistische Gefahr in unserer Mitte, wie sich über ein Jahrzehnt Terroristen ungestört in Deutschland einrichten und von hier aus brutale Aktionen planen konnten, Anschläge nach wie vor verüben können. Es könnte sich die Frage stellen: Was ist das für ein Rechtsstaat, bei dem bei der Bekämpfung von Ausländern, die in Deutschland zum Mord aufrufen, nicht die Sicherung des Lebens potenzieller Opfer als erstrangiges Menschenrecht Priorität hat, sondern das Durchspielen aller Ebenen der 3-Gewaltenteilung?

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An dem „Fall Kaplan“ wird deutlich, wie schwer sich der Staat mit einem islamischen Gotteskrieger tut, der nach seiner Abschiebung in die Türkei von den dortigen Organen sofort hinter Gitter gesetzt wurde. “Wie ist es möglich, -fragt Thamm in seinem Buch- daß der Staat und seine Organe von einem Extremisten derart an der Nase herum- und vorgeführt werden können“ und zitiert den Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei Freiberg: “Wir werden erst aufwachen, wenn auch bei uns etwas Schreckliches passiert ist.“

Was also tun? Terrorismusexperten betonen in ihren Veröffentlichungen, dass es keine absolute Sicherheit gäbe und auch in absehbarer Zukunft nicht geben wird, dass wir uns darauf einstellen müssen, mit der Bedrohung durch den islamistischen Terror zu leben.

Mit diesem Ausblick sollten wir, die Bürger dieses Staates, uns nicht abfinden. Die Auseinandersetzung mit dem Islamismus ist nicht nur ein weltpolitisches Problem, sie muß in Deutschland vor allem ein gesamtgesellschaftliches Anliegen werden. Über die von den staatlichen Organen wahrzunehmenden Sicherheitsaufgaben hinaus gilt es, die Bildungs- und Aufklärungsarbeit über den Islam als kulturelle Auseinandersetzung zu entwickeln, die Kenntnisse über diese Weltreligion zu vertiefen, dabei Toleranz gegenüber dem Andersdenkenden üben zu lernen. Das wäre ein Feld, auf dem sich Medien sowie bildungs- und kulturpolitische Organisationen in unserem Land verdient machen können.

(Der Autor ist Vorstandsvorsitzender des Nahost-Forums e.V., Botschafter a.D.)

Beileidsschreiben zum Tod von Prof. Karl-Heinz Bernhardt

10. August 2004 Keine Kommentare

Sehr geehrte Frau Bernhardt!

Im Namen des Vorstandes des Nahost-Forums, dem Prof. Dr. Karl-Heinz Bernhardt über viele Jahre angehörte, übermitteln wir Ihnen unser tiefempfundenes Beileid zum plötzlichen Ableben Ihres Gatten.

Ihre Nachricht, die uns über Frau Knobbe am Morgen nach unserer Zusammenkunft erreicht hat, hat uns alle tief erschüttert, war doch der Professor von Anfang an an der Entwicklung unseres Forums beteiligt, hat dabei einen sehr aktiven und äußerst wertvollen Beitrag geleistet.

Sein Wirken, sein Auftreten zur Bedeutung des Nahen Ostens für die Religionsgeschichte der Welt und deren Wirkung auf die Neuzeit, für die Verständigung zwischen den Menschen, Völkern und Staaten des Orients und Okzidents, für die friedliche Lösung der Konflikte und das Zusammenleben und –wirken der Kulturen haben den Weg unseres Forums mitbestimmt.

Wir werden sein Andenken in Ehren halten!

Für alle Vorstandsmitglieder
Heinz Knobbe
Vorsitzender